Die Passive Leselernmethode

Die Passive Leselernmethode

(von Dr. A. J. Urban)

Das Prinzip ist simpel: Der Erwachsene liest vor, das Kind beobachtet. Das Kind muss nichts leisten, keine Regeln lernen und nichts nachsprechen. Es taucht lediglich in eine Geschichte ein, am besten in eine fortlaufende Erzählung wie Der Schattenflieger Nostra.

Die Umsetzung in der Praxis

  • Text abdecken: Mit einem Blatt Papier wird der Text verdeckt. Nur die Zeile, die gerade gelesen wird, ist sichtbar.
  • Mit dem Finger führen: Der Erwachsene liest langsam und deutlich vor. Dabei fährt sein Finger exakt unter dem gerade gesprochenen Wort entlang. Das Kind verfolgt den Finger mit den Augen.
  • Pensum begrenzen: Es wird höchstens ein Kapitel pro Tag gelesen.
  • Besonderheiten einkreisen: Tauchen Lautverbindungen wie ieh, ng, sch oder ck auf, kreist der Finger sie kurz ein. Der Laut wird beim Lesen leicht bis deutlich betont. Gerne kann man kurz einen liebevollen Kommentar geben wie: „Oh, schau, schon wieder dieses ‚ei‘, das wie ‚ai‘ gesprochen wird.“ Und sich selbst dabei freuen, dass man das entdeckt hat.
  • Bilder am Schluss: Bei den Büchern sollte darauf geachtet werden, dass die Seiten ruhig gestaltet sind. Bilder dürfen nur unten platziert sein. Illustrationen werden erst gemeinsam betrachtet, wenn der dazugehörige Textabschnitt gelesen ist.

Die eiserne Regel

Es gibt kein Abfragen. Sätze wie „Was steht da?“ oder „Lies das mal“ entfallen komplett. Durch die ständige Wiederholung innerhalb der Geschichte kann sich das Schriftbild nach und nach einprägen. Das Kind beginnt selbst zu lesen, sobald es dazu bereit ist.

Kleine Vorlesehelfer für Eltern

Diese Buchstabenkombinationen dürfen beim Vorlesen liebevoll etwas deutlicher betont werden. Nicht erklären oder abfragen. Einfach hören lassen und gemeinsam entdecken.

  • ie / ieh: wie ein langes i, zum Beispiel „Tier“ oder „Vieh“
  • Doppelkonsonanten: Der Vokal davor ist meist kurz, zum Beispiel „Ball“
  • ss / ß: ein scharfes, stimmloses s, zum Beispiel „Masse“ oder „heiß“
  • ck: ein deutliches k, zum Beispiel „Sack“
  • ng / nk: wie in „Ring“ oder „Bank“
  • au: wie in „Haus“
  • ei: wird wie „ai“ gesprochen, zum Beispiel „ein“
  • eu / äu: wie in „heute“ oder „Häuser“
  • st / sp am Wortanfang: wie „scht“ oder „schp“, zum Beispiel „Stern“ und „Spinne“
  • sch: wie in „Schiff“
  • ch: weich wie in „ich“ oder kräftiger wie in „hoch“
Zwei Kinder und ein kleiner Drache sitzen gemeinsam auf einem Felsen.